Die Kunst, sich auszudrücken, ohne sich preiszugeben

Künstler erkunden ihre kreative Welt oft anhand ausgewählter Themen: Figuren, Metaphern oder Gegenstände. Aber sie geben auch durch scheinbar alltägliche Orte oder Szenen etwas von sich preis. Dieser indirekte Ansatz ist oft ebenso subtil und tiefgründig wie ein direktes Selbstporträt.

Sich selbst darzustellen ist immer eine Herausforderung, da man sich dabei offenbaren muss. Ein gemaltes Objekt ist fast nie neutral; es ist von Identität, Emotionen oder persönlicher Geschichte durchdrungen.

Die Ausstellung von Mai bis Juni 2026: eine Erkundung des Intimen

Seit jeher ist das Stillleben eine Möglichkeit, sich auszudrücken, ohne sein wahres Ich preiszugeben. Die ausgewählten Objekte – Bücher, Obst, verwelkte Blumen – werden zu einer Art Vokabular, zu einem indirekten Selbstporträt. Orte verwandeln sich in mentale Projektionen: Der Raum wird „so, wie man ihn empfindet“ gemalt, statt „so, wie er ist“.

In dieser neuen Ausstellung widmet sich die Galerie erneut den privaten Welten der Künstler. In Anknüpfung an das frontale Selbstporträt und den Neo-Folklorismus laden wir Sie ein, Objekte und Orte zu entdecken, die durch anschauliche Metaphern den Wunsch zum Ausdruck bringen, eine zutiefst ästhetische Geschichte zu erzählen.

Warum diesen Umweg über die Metapher nehmen?
        1. Vermeiden Sie offensichtliche Selbstdarstellung: Sprechen Sie über sich selbst, ohne dabei egozentrisch zu wirken.
        2. Das Unaussprechliche in Worte fassen: Mit visuellen Bildern komplexe Emotionen vermitteln.
        3. Identifikation fördern: Der Alltagsgegenstand wird zu einer universellen Brücke zum Betrachter.
        4. Den Alltag bereichern: Das Alltägliche in eine einzigartige künstlerische Sprache verwandeln.

    Letztendlich sind diese Werke „diffuse“ Selbstporträts. Anstatt zu sagen „hier ist mein Gesicht“, flüstert der Künstler: „Hier ist, was ich sehe, was ich fühle, was in mir wohnt.“ All dies dient letztlich dazu, im Negativ eine faszinierende Identität zu skizzieren.

Unsere vier Gastkünstler

Vier Künstler nahmen die Herausforderung an:

  • Barbra le Louverot – Frankreich
  • Vestara Psod – Schweiz
  • Artemis Irenäus von Baste – Schweiz
  • Hugo Eckener – Schweiz
affiche de l'exposition sur le néo-folklorisme, galerie art Koronin, mai à juin 2026

Barbra Le Louverot: Die Reise ihres Lebens

In diesem strukturierten Werk verwandelt Barbra Le Louverot einen Schuhkarton in ein wahres Inventar der Seele. Zwar sind keine Gesichter zu sehen, doch was wir entdecken, ist eine lebendige Ansammlung von Formen und Farben, die im Relief das Porträt einer facettenreichen Identität skizzieren. So wird jeder Schuh zu einem Hinweis auf einen Moment, eine Haltung oder eine Emotion, eingefroren in einem dichten und großzügigen Material.

Materialien, die Emotionen wecken

In erster Linie ist der Schuhkarton nicht nur ein Aufbewahrungsbehälter, sondern wird zu einer wahren Schatzkammer voller Erinnerungen. Durch diese vertrauten Gegenstände beschwört Barbra den Lauf der Zeit und die verschiedenen „Facetten“ herauf, die wir in unserem Alltag annehmen. Deshalb ist dieses moderne Stillleben eine Hommage an die Bewegung und das gelebte Leben.

Zudem verleiht der Einsatz des Spachtels dem Gemälde eine fast skulpturale Qualität. Die Farbflächen – die von leidenschaftlichem Rot bis zu melancholischem Lila reichen – geben nicht nur Objekte wieder, sondern verkörpern vielmehr die Energie der Frau, die sie trug.

Ein Selbstporträt, das durch Anhäufung entstanden ist

Und warum gerade Schuhe? Weil sie unsere direkte Verbindung zum Boden darstellen, das Fundament unserer Ambitionen und unserer Müdigkeit. Letztendlich spricht die Künstlerin durch die Darstellung dieses scheinbar ungeordneten „Haufens“ von der Komplexität des Daseins als Frau und Schöpferin, gefangen zwischen Eleganz, Alltag und der Anhäufung von Erfahrungen.

Vestara Psod: Die Werkbank als Spiegel der Seele

Während Barbra uns von Bewegung erzählte, entführt uns Vestara Psod in die kontemplative Stille der Werkstatt. In diesem meisterhaften Werk spiegelt das Gemälde eine doppelte Leidenschaft wider: die für den Pinsel und die für den Geigenbau. Tatsächlich beobachten wir nicht nur eine Geige im Entstehen, sondern ein indirektes Selbstporträt, in dem jedes Werkzeug und jeder Holzsplitter von Geduld, Strenge und der Liebe zum perfekten Pinselstrich zeugt.

Das Heilige und das Alltägliche: Spuren einer Mahlzeit

Einerseits sehen wir die Erhabenheit des Instruments und die Präzisionswerkzeuge. Andererseits durchbricht die bescheidene Präsenz eines Tellers und einiger Krümel auf einem Hocker die Feierlichkeit der Szene. Gerade diese Spur des Alltags macht den Künstler menschlich: Sie erinnert uns daran, dass das Schaffen ein langwieriges Unterfangen ist, das von einfachen Momenten unterbrochen wird und die Kunst in der Realität des Alltags verankert.

Die Harmonie der Materialien

Zudem entsteht durch den Kontrast zwischen der Rauheit des rohen Holzes, dem Glanz der Metallmeißel und der Weichheit der Späne eine visuelle Symphonie. Auf diese Weise gelingt es der Künstlerin, ihr eigenes Wesen durch das Material, das sie formt, zum Ausdruck zu bringen. Indem sie sich dafür entscheidet, diese Welt zu malen, zeigt uns Vestara zwar nicht ihr Gesicht, doch offenbart sie uns ihr Herz und ihre Hände und lädt uns ein, an der Intimität ihrer Suche nach Harmonie teilzuhaben.

Artemis Irenäus von Baste: Das Zimmer der intimen Spiegel

Während wir die Intimität des Ateliers erkundeten, entführt uns Artemis Irenäus diesmal in das Heiligtum ihres Zimmers in der Hütte von Montperreux. In diesem Werk mit seiner disziplinierteren Handschrift offenbart sich die Präsenz der Künstlerin durch ihre Lieblingsgegenstände: ihren durchsichtigen aufblasbaren Sessel, ihre Ballettschuhe und ihren Spitzen-Trikotanzug. So zeichnet jedes Element, vom Skizzenbuch bis zu den Büchern französischer Literatur auf dem Boden, das Porträt einer Frau zwischen zwei Welten, zwischen der Strenge des Trainings und der Freiheit des Reisens.

Mobile Möbel als Ankerpunk

Zunächst einmal ist dieser aufblasbare Sessel nicht nur ein Accessoire; er ist der treue Begleiter auf ihren Reisen, den sie überallhin mitnimmt. Im Gegensatz zu dem massiven Schrank im Hintergrund steht er für die Leichtigkeit und Modernität der Künstlerin. Indem sie dieses Objekt malt, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist, erzählt Artemis Irenäus von ihrem Bedürfnis, sich überall dort, wo sie ihre Koffer abstellt, ihren eigenen Komfort zu schaffen und so das Vorläufige zu einem Zuhause zu machen.

Disziplin und Geist: Tanz und Lesen

Zudem vermittelt das Vorhandensein der Ballettschuhe und des Turnanzugs den Eindruck einer fast rituellen Disziplin, während die am Fußende des Bettes aufgeschlagenen Bücher von ihrem Durst nach lokaler Kultur zeugen. Dadurch wird das Werk zu einer mentalen Projektion ihres Aufenthalts im Departement Doubs. Letztendlich zeigt uns Artemis Irenäus zwar nicht ihr Gesicht, doch offenbart sie uns das empfindliche Gleichgewicht, das sie zwischen der körperlichen Anstrengung des Tanzes und der geistigen Nahrung ihrer Lektüre aufrechterhält.

Hugo Eckener: Die Weltbibliothek

Schließlich lädt uns Hugo Eckener in den Tempel des Denkens ein. Während andere Künstler sich auf ein einzelnes Objekt oder eine Landschaft konzentrierten, malt Hugo eine ganze Umgebung: das Arbeitszimmer mit Bibliothek. Tatsächlich trägt in diesem detailreichen Werk jedes Buch, jede Statuette unter einer Glasglocke und jede Tintenflasche zum Porträt eines Gelehrten bei. Es ist das Selbstporträt eines neugierigen Geistes, in dem die Ordnung der Bücherregale die Freiheit der Landschaft widerspiegelt, die durch das offene Fenster hereinschaut.

Das Büro als intellektuelles Selbstporträt

Zunächst einmal ist die Ansammlung von Büchern und Sammlerstücken kein Zufall. Im Gegenteil: Diese Gegenstände bilden das „Rohmaterial“ der Identität des Künstlers. Indem Hugo seinen Arbeitsraum so präzise malt, offenbart er seine Inspirationsquellen, seine „stillen Reisen“ und seine kulturellen Verbindungen und verwandelt diesen Raum in eine regelrechte Landkarte seiner Erinnerung.

Ein Tor zur weiten Welt

Zudem ist der Kontrast zwischen der Wärme des Holzes in der Bibliothek und der blendenden Helligkeit der Landschaft draußen auffällig. So wird das Fenster zu einer Brücke zwischen der Intimität der Besinnung und der Weite der Welt. Letztendlich zeigt uns Hugo Eckener, dass Selbstdarstellung auch darin besteht, das Gleichgewicht zu offenbaren, das wir zwischen unserer inneren Welt und der Schönheit der uns umgebenden Natur pflegen.

Vielen Dank für Ihren Besuch

Die Galerie Koronin bedankt sich bei Ihnen, dass Sie diesen Moment im Herzen des indirekten Selbstporträts mit uns geteilt haben. Wir hoffen, dass diese Spiegel der Seele Sie inspiriert haben.

Entdecken Sie unsere kommenden Ausstellungen.

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